So war der #KielerParkletTag 2020

Am 1. Kieler Parklet Tag in Gaarden
Kurzes Video vom 18.9.2020 von Thilo Pfennig

Wir sind zu 90% zufrieden mit dem 1. Kieler Parklet Tag. Im Grunde hatten wir mehrere Ziele:

  1. Zu testen, ob es möglich ist eine Kreuzungssperrung in Kiel durchzuführen und welche Probleme und Widerstände es dabei gibt (Wir können das auch grob dokumentieren). Wir wollten damit auch ein muster etablieren für ähnliche Aktionen in Zukunft. Damit man weiß, welche Anforderungen und welchen Aufwand und Kostenrisiken es gibt.
  2. Das es an dem Parking Day dann eben wirklich gelingt, dass die Kreuzung gesperrt wird als politische Meinungsäußerung und als Protest gegen die Autokultur.
  3. Das Menschen die Kreuzung bevölkern, sowohl geplant als auch spontan, um zu erfahren, wie es sich anfühlt ohne Autos, die Stille usw.
  4. Das Gespräche und Nutzungen entstehen
  5. Workshops und geleitete Diskussionen – Dieser Punkt konnte nicht umgesetzt werden aus Personalmangel bzw. mangelnde Bereitschaft Workshops anzubieten. Ich denke das wäre möglich gewesen.
  6. ggf. Live-Musik (hat auch nicht stattgefunden)

Die meisten Autos waren dann auch nicht innerhalb der Absperrzone. Ein Autofahrer fragte mich am Anfang, ob er sein Auto noch rausfahren solle, was ich bejahte. Einige Menschen hatten Angst, dass es jetzt so bleiben würde. Ein Teil der Absperrungen wurde nicht genutzt und war damit unnötig.

Da eine Autospur frei blieb zum Abbiegen aus einer Einbahnstraße wurde der Weg zu einem Imbiss blockiert durch die Autoabsperrungen auch für die Fußgänger:innen. Da wäre ggf. wünschenswert eine Lücke für Fußwege zu haben.

Zum Konzept des Tages gehörte die Erfahrungen aufzugreifen, wonach Menschen gerne die Bestuhlung selber entscheiden und zurechtrücken und sich damit wohler fühlen. S.a. „Have a Seat: Moveable chairs or benches?

Somit war dies auch ein soziales Experiment, wie sich denn das Sitzen mit der Zeit organisieren würde. Zunächst hatten wir alle Stühle nur zugeklappt auf dem Boden und klappten sie erst mit der Zeit auf und stellten sie zufällig auf der Kreuzung auf.

Manche nahmen dann auch „ihren Stuhl“ und bewegten diesen mit wechselnden Interessen an verschiedene Orte. Mal an einem Tisch und mal eher freier und dort hin, wo ihre Freunde saßen zB..

Die Menschen, die den Platz bevölkerten haben den Eindruck hinterlassen, dass sie sich wohl fühlten. Ich rechne das zu einem großen Teil diesem geplanten Chaos zu, in dem sich die Situation selber entwickelt und die Menschen selber die Abstände entscheiden können. Wir konnten so auch die aktuellen Hygienebestimmung und Abstände besser kontrollieren als wenn Menschen zusammen stehen und herum laufen.

Von der Uhrzeit her stelle sich heraus, dass erst ab 15 Uhr Kinder verstärkt auf die Straße kamen. Ein Nachbarsjunge sagte mir: „Das ist die tollste Party, die ich je erlebt habe!“.

Kinder tanzten teilweise zur Musik und begannen Ballspiele, die nur möglich sind ohne Verkehr und ohne parkende Autos.

Leider begrenzte der Aufbau der Absperrungen auch das Ziel, da zuerst durch die Stadt sogar ein Teil des Fußwegs abgesperrt war und teilweise auch durch Kundgebungsteilnehmer:innen und Aktionen der Fußgängerüberweg blockiert wurde und diese um uns herum einen großen Bogen machten. Leider gelang es nicht, diesen Zielkonflikt aufzulösen. Bei einer ähnlichen Aktion müsste man diese Effekte voraus denken und ggf. Wege für querende Einwohner:innen zeichnen.

Aber genau deshalb haben wir dieses Experiment gemacht: Um Erfahrungen zu sammeln: Man kann viel diskutieren, aber ohne Ausprobieren bleibt alles Theorie. Und es zeigt auch: Eine echte Änderung der Verkehrssituation, käme erst durch einen Teilumbau der Straße zustande. ZB, wenn es keine Begrenzungen des entstandenen Platzes gäbe und Fußgänger:innen in jede Richtung passieren könnten. Vielleicht ginge das auch bereits durch Poller, wie sie bei Popup-Bikelanes eingesetzt werden?

Das Thema der Jubiläen der beiden Parklets (1 und 2 Jahre kam etwas zu kurz. Eines der Parklets hat aktuell auch das Problem, dass es dauerhaft von Junkies bevölkert und vermüllt wird und daher nicht mehr den Nutzen erfüllt, den es seit 2018 erfüllte und viele Menschen es nicht mehr nutzen wollen. In der Nachbarschaft gibt es dazu unterschiedliche Meinungen und seitens der Stadt Kiel gibt es eher ein hin- und her verweisen der Zuständigkeiten. Das für dazu, dass im Grunde ein größeres Problem bei den Parklets privatisiert wird und damit den Verantwortlichen/Initiator:innen überlassen bleibt mit dem Drogenhandel und Drogenkonsum klar zu kommen. Meine Haltung dazu ist, dass man sichern sollte, dass ein Parklet für alle nutzbar bleibt. Es ist in Ordnung, wenn Parklets bevorzugt von einigen benutzt werden und auch besonders von Obdachlosen, weil sie eben kein Zuhause haben. Aber es muss dann auch so sein, dass es bei Übernachtungen irgend wann morgens auch geräumt wird und sauber gemacht wird. Und nicht alles so hinterlassen wird und Matratzen bis zum nachmittag liegen bleiben. Das Politik und Einwohner:innen sich uneinig sind oder nicht in der Lage sind einen verantwortlichen Konsens zu finden, den man gemeinsam umsetzt fördert den Missbrauch von Parklets. Freie Ressourcen brauche klare Grenzen, die am besten freiwillig eingehalten werden. Die Parklets befinden sich in einer Grauzone zwischen privat und öffentlich. Und es ist wie immer: Diese gewollten Grauzonen werden von Menschen ausgenutzt. Sei es, um es für sich selbst zu nutzen, Müll zu entsorgen, Lärm zu machen, Drogen zu konsumieren, whatever.

Jedes neue Werkzeug hat Probleme, das war nicht anders zu erwarten. Es wäre wichtig, das Städte eine klare Haltung zu Parklets. In den USA sind diese nach meinem Eindruck durchweg positiv, an manchen Stellen wird gesagt es werden zu viele, wie in der Ursprungsstadt San Fancisco, aber die Städte fördern diese Parklets, gerade in Corona-Zeiten und fordern, wie Chicago, die Betreiber:innen dazu auf, ihre Parklets winterfest zu machen, damit das Infektionsrisiko durch Außengastronomie sinkt.

In der Stadt Kiel gibt es da eher viele Bedenken und Widerstände innerhalb der Verwaltung. Vielleicht auch das Not Invented Here Syndrom?

Ich denke auch, dass Veränderungen weniger kreativ und risikobereit angegangen werden von Ämtern wie dem Ordnungsamt, Tiefbauamt oder der Stadtgestaltung. Weil es nicht deren Aufgabe ist. Dort gibt es viele Gesetze und Verordnungen die eingehalten werden müssen und jedes Problem muss in eine Schublade passen, damit es gelöst werden kann. Das ist deren Kompetenz. Ihre Aufgabe ist nicht, Stadt oder das Wohlbefinden zu verbessern . Wobei Letzteres eigentlich die zentrale Anforderung an Politik wäre. Es scheint mir da noch an Gegengewichten zu fehlen, die sich für bessere Lösungen als die bestehenden einsetzen.

In Gaarden ist es nicht ungefährlich sich im Verkehr zu bewegen. Aber solange es die Autos betrift wird nicht viel eingegriffen. Vieles wird toleriert. Erst bei sogenannten Sondernutzungen, die das bestehende Muster und Gewohnheiten ändern, entstehen Bedenken. Insofern wirkt die Verwaltung strukturkonservativ und schützt damit die Machtposition des Autos. Es kann auch sein, dass die handelnden Personen selber ganz anders denken, aber teilweise sind ihnen eben aufgrund der bestehenden Verordnungen die Hände gebunden. Vieles ist denkbar, aber gar nicht morgen, in ferner Zukunft vielleicht.

Da sehe ich auch unsere Rolle als Verkehrsaktivist:innen und Bürger:innen: Das wir mit einer gewissen Naivität und Unwissenheit Forderungen stellen, die richtig sind, ohne Rücksicht auf sämtliche Verordnungen. Das war und ist zB die Stärke von Fridays for Future! Einfach das Richtige fordern und nicht sagen: „Es gibt kein Tempolimit!“ Sondern „Wir WOLLEN ein Tempolimit!“ Wenn Ziele und Forderungen ernst genommen werden kann man sehr viel bewegen und auch Verordnungen und Gesetze sind dann umsetzbar und auch Finanzen sind neu verteilbar. Wenn wir darauf warten, dass aus der Verwaltung heraus Druck und Bewegung entsteht, werden wir lange warten können. Und gerade weil alles lange dauert, braucht es Ungeduldige, die ständig mehr wollen als das, was genehmigt und gewollt wird!

Veröffentlicht von Thilo

Kieler, auf Westufer aufgewachsen, seit 2000 Gaardener.

Ein Kommentar zu “So war der #KielerParkletTag 2020

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